ART & PLACE Conference: Schnittstelle zwischen Graffiti und Outsider Art

Thomas Röske, Leiter der Sammlung Prinzhorn der Psychiatrischen Universitätsklinik Heidelberg: „Einige Schöpfer von Graffiti oder Street Art reagieren mit ihren Eingriffen in die Umwelt ebenfalls auf ein erschütterndes persönliches Erlebnis…“

Thomas Röske bezog sich in seiner Präsentation u.a. auf August Walla (22.6.1936 – 7.7.2001), dessen künstlerisches OEuvre Malerei (Gemälde, Wandmalerei, Graffiti), Zeichnung, Text, Plastik, Installation, Kunst im öffentlichen Raum, Performance und Fotografie umfasst. Er gilt als einer der bedeutendsten Vertreter der Art Brut. Der Künstler lebte nach mehreren Aufenthalten in psychiatrischen Anstalten ab 1983 im Haus der Künstler der Niederösterreichischen Landesnervenklinik Gugging.

 

Nachfragen aus Anlass seines In-puts „Where do graffiti and Outsider Art meet?“ im Rahmen des Art & Place Conference-Panels „Outsider artists in public space“.

Bevor wir zum Thema Deiner Ausführungen kommen, magst Du den Namensgeber Hans Prinzhorn und die Sammlung Prinzhorn vorstellen?

Hans Prinzhorn (1886-1933) war ein Kunsthistoriker und Mediziner, der 1919 an die psychiatrische Universitätsklinik Heidelberg als Assistent berufen wurde und in den nächsten Jahren einen kleinen Bestand von künstlerischen Patientenwerken zu einer umfassenden Forschungssammlung mit rund 5000 Werken, vor allem aus deutschsprachigen Ländern ausbaute. Nach dem Weltkrieg wurde die Sammlung wiederentdeckt und ausgebaut. 2001 erhielt sie ein Museum auf dem Gelände des Heidelberger Altklinikums und wuchs weiter. Heute umfasst sie rund 40.000 Werke, vor allem auf Papier.

Der Begriff „Outsider Art“ meint wohl nicht nur den sich außerhalb der Gesellschaft sehenden Outsider, z.B. den Punk, den Rebellen, den Autodidakten. Vielmehr scheint der Begriff als Bezeichnung für Kunst verwendet zu werden, die von Menschen gemacht wird, die als „psychisch krank“ angesehen werden. Wie würdest Du den heute bestimmt umstrittenen Begriff definieren?

Der Begriff Outsider Art wurde 1972 mit dem gleichnamigen Buch des englischen Romanisten Roger Cardinal eingeführt als Übersetzung des Begriffs Art brut. Den hatte der französische Künstler und Weinhändler Jean Dubuffet 1945 entwickelt, um besonders originelle Werke am Rande der etablierten Kunst zu bezeichnen. Für ihn war Art Brut die wahre Kunst, da deren Schöpfer nicht an Ausstellungen interessiert waren und sich oft nicht als Künstler verstanden. Obwohl Dubuffet von Prinzhorns Buch „Bildnerei der Geisteskranken“ (1922) angeregt war und selbst zunächst in Psychiatrien nach Art Brut suchte, leugnete er doch bald, dass psychische Krankheit eine Voraussetzung für diese Art von Kunst sei. Und so nahm er denn auch Werke von Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung, von spiritistischen Medien und anderen Eigenbrötlern in seine Sammlung auf, die 1976 als Collection de l’art brut ein eigenes Museum in Lausanne erhielt. Tatsächlich reagieren die meisten Schöpfer von Art Brut und Outsider Art in ihren Werken auf eine eigensinnige Weltsicht, nicht selten auch auf ein erschütterndes oder erweckendes Erlebnis. Es muss aber nicht immer eine Psychose zugrunde liegen.

Wo siehst Du Parallelen oder Schnittmengen zwischen Graffiti und Outsider Art?

Einige Schöpfer von Graffiti oder Street Art reagieren mit ihren Eingriffen in die Umwelt ebenfalls auf ein erschütterndes persönliches Erlebnis und teilen weniger die Ästhetik und die üblichen Beweggründe anderer Künstler dieses Bereichs. Vielmehr folgen ihre Werke einem privaten existentiellen Anliegen. Das rückt sie in die Nähe von Outsider Art.

Die Fragen stellte KP Flügel, Stiftung wissensART

Weitere Informationen:

https://www.augustwalla.at

https://www.sammlung-prinzhorn.de

KP Flügel