Strategien der Identitätssicherung von Kunst- und Kulturschaffenden in Zeiten der Corona-Pandemie.
Welche Auswirkungen hat die Corona-Pandemie auf biografische Verläufe von Kunst und Kulturschaffenden? Fühlten sie sich in ihrer beruflichen und persönlichen Identität bedroht? Welche waren ihre individuellen Bewältigungsstrategien? Zu diesem Fragekomplex der Verarbeitungsstrategien haben die in Berlin ansässige Stiftung Wissensart und die Hamburger Quadriga gGmbH eine Studie erstellt.
Menschen, die sich entscheiden, ihr Leben als Künstler*in zu führen, fühlen sich berufen. Als folgten sie einem immer anwesenden und pulsierenden Urinstinkt, den zu verleugnen gegen ihre eigene Natur verstoßen würde. Es ist der Ruf nach Selbstausdruck der kreativen Energien nicht nur als Selbstzweck, sondern um bei anderen ein Echo zum Klingen zu bringen. Künstler*in zu sein ist ein identitätsschaffendes und -sicherndes Statement, das zwischen dem schaffenden Drang nach außen und der Rezeption durch die Welt oszilliert. In dieser Dynamik unterliegt ihre Identität in hohem Maße einer fragilen Balance.
In einer Reportage des Spiegel-TV vom Dezember 2021 performen 3 Profibackgroundtänzer im schwarz-rot-goldenen Lacklederdress auf Highheels durch den legendären Penny-Supermarkt auf Sankt Pauli. Seit Monaten sitzen sie in einem kleinen Hotelzimmer fest, alle Tourneetermine sind auf unbestimmte Zeit gestrichen. Sie halten sich mit Training fit – und nutzen die Zeit kurz vor der Schließung des Supermarktes um 22 Uhr, um einen kurzen Auftritt vor der maskenbewehrten Kundschaft hinzulegen.
Dieser kurze Filmausschnitt bildete u.a. die Grundlage für das Interview-Projekt von Quadriga gGmbH und Stiftung Wissensart,
das nach Beendigung aller Beschränkungen und Restriktionen ab Sommer 2022 begonnen wurde. KP Flügel (Stiftung Wissensart) und Dr. Thomas Augustin (Quadriga gGmbH) stellten Kulturschaffenden die Fragen: Wie haben Künstler*innen die Coronazeit über diese zwei Jahre erlebt? Wie hat sie sich auf ihre Identität ausgewirkt? Welche persönlichen Eigenschaften waren hilfreich, um die schwierige Situation des Wegfalls von Auftrittsmöglichkeiten, Ausstellungen, Veröffentlichungen usw. zu überstehen?
Im Zeitraum Sommer 2022 bis Frühjahr 2024 wurden mit insgesamt 15 Solo-Künstler*innen[2], die alle in unterschiedlichen Genres tätig sind, Gespräche geführt. Diese orientierten sich an einem standardisierten Leitfaden.
Letztlich habe alle befragten Künstler*innen trotz aller Sorgen und Zweifel während der Zeit der Corona-Maßnahmen nicht daran gedacht, ihre Existenz als Künstler*in aufzugeben. Sie haben z.T. ihre Fähigkeiten und Fertigkeiten erweitert, sich noch andere Standbeine zur ökonomischen Absicherung organisiert oder ihre grundsätzliche Haltung zum Kulturbetrieb etwas modifiziert. Aber das grundsätzliche Selbstverständnis, getragen von der Hoffnung auf ein Ende der Beschränkungen, veränderte sich nicht.
Auf einmal wurde festgestellt, dass auch alle anderen Menschen, die in geregelten und abgesicherten Verhältnissen lebten, dasselbe Problem hatten. Aus dieser Erkenntnis resultierte Verbundenheit und löste das Gefühl der Einsamkeit, dass Solo-Selbständige oft begleitet, etwas auf. Toleranz, Disziplin, gegenseitige Rücksichtnahme und Fürsorge traten in den Vordergrund, um die Auswirkungen der Krise zu bewältigen.
Besonders hilfreich wurde die Einbindung in soziale Kontexte empfunden. Die Unterstützung durch Familie und Freunde – ökonomisch und persönlich – war ein wichtiger Stützpfeiler.
Die interviewten 15 Solo-Künstler*innen stehen mit ihren biografischen Erfahrungen aus diesen 2 Jahren eines gesellschaftlichen und persönlichen Ausnahmezustandes für sich.
Wir wollten gerade diesen individuellen Erlebnissen und Verarbeitungsstrategien nachspüren und ihnen mit diesem Projekt eine Stimme geben. Inzwischen sind zwar die Konzerthallen mit Top-Acts wieder gefüllt, aber die Solo-Künstler*innen beklagen, dass nach der Krise einige Formate einfach nicht wieder angelaufen sind. So haben die kleineren und mittleren Veranstaltungen immer noch eine bedrohliche Durststrecke durchzustehen. Das große politische Bekenntnis „Wir lassen niemanden allein“ ist inzwischen verhallt. Die Wertschätzung der Kulturschaffenden als wichtige Säulen des gesellschaftlichen Zusammenhalts findet kaum eine politische Lobby. Neue große Krisen überdecken die Ausläufer und Verwerfungen der Corona-Beschränkungen, denen die Solo-Künstler*innen nach wie vor ausgesetzt sind.
Auf jeden Fall kann für die Teilnehmer*innen unseres Projekts festgestellt werden, dass die jeweilige Identifizierung mit dem Künstler*innen-Sein und die individuellen Bewältigungskompetenzen ausreichten, um die Krise zu überstehen.
[1] Schauspieler
[2] Im Folgenden sind die Zitate aus den Interviews alle anonymisiert.
[3] Kunstagentin
[4] Textildesignerin
[5] Schriftsteller
[6] Sängerin
[7] Lichtkünstlerin
[8] Schriftsteller
[9] Textildesignerin
[10] Malerin, Kunstlehrerin
[11] Puppenspieler
[12] Tänzerin, Ballettstudio
[13] Sängerin
[14] Kostümbildnerin
[15] Schriftsteller
[16] Tänzerin, Ballettstudio
[17] Kunstagentin