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„Kleine eigenständige Existenzen gehen unter und werden im Stich gelassen.“

Corona Studie

„Kleine eigenständige Existenzen gehen unter und werden im Stich gelassen.“

Während des Lockdowns entfiel ihre Rechtfertigung für ihre Existenz.

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© Carl Philipp

Die Kulturmanagerin und studierte Kunsthistorikerin über ihre Erfahrungen während der Zeit der Pandemie und über ihre Kritik an der Politik, wie in dieser Zeit mit freiberuflich tätigen Kulturschaffenden umgegangen wurde.

Was sind die essentiellen Eckpunkte, die du als für eine Identität als Künstler*in und/ oder Kulturschaffende formulieren würdest?

Selbstbestimmt und frei arbeiten und leben zu können, das sind tragende Säulen meiner Identität als Kulturschaffende. Im Mittelpunkt meiner Arbeit steht es, Momente für und mit Menschen zu kreieren.

Wie hast Du reagiert, als der erste Lockdown verkündet wurde und von heute auf morgen alle kulturellen Präsenz-Veranstaltungen abgesagt wurden?

Somit fiel mit dem Lockdown erstmal alles in sich zusammen. Der Grund, warum ich da war, meine Rechtfertigung vor mir selbst für meine Existenz, war nicht mehr gegeben. Im ersten Moment war da aber keine Verzweiflung, sondern Tatendrang. Aktionismus kam auf: wenn nicht so wie bisher, dann eben anders! Digitaler Club, live Streams, online Formate, Schaufensterausstellungen, etc.
Und um auf der anderen Seite aber genauso ehrlich zu sein: eine Pause haben viele von uns gebraucht. Haben wir uns nur anders vorgestellt und hätten gern mehr Einfluss darauf gehabt, aber so ist das mit Pausen, häufig sind sie von außen bestimmt.

Haben Dir die Corona-Soforthilfe-Maßnahmen geholfen? Hast Du weitere Unterstützungshilfen (z.B. Corona ALG 2) in Anspruch genommen?

Ich habe verschiedene Corona-Hilfen erhalten und mich auch ein halbes Jahr arbeitslos gemeldet. Das war wohl der schwierigste Schritt, aber auch ein notwendiger, und das einzige, was uns als „Solo-Selbständige“ (eine Begriffserfindung charakteristisch für diese Zeit) angeboten wurde, um Miete und Lebensunterhalt zu finanzieren. Denn die Hilfen war ja rein auf den Betrieb bezogen. Dass man als „Solo-Selbstständige“ jedoch der Betrieb ist – das wurde und wird ignoriert.

Bist Du mit der Art und Weise, wie die Hilfsmaßnahmen konzipiert und umgesetzt wurden, zufrieden gewesen oder nicht?

Ich sehe da riesige Fehler im System: große Unternehmen erhalten viel Geld, dürfen noch Gewinne an Aktionäre ausschütten, und kleine eigenständige Existenzen, die nirgends zur Last fallen, die gehen unter und werden im Stich gelassen.

Was hat die Corona Zeit mit Dir gemacht? Welche Auswirkungen hatte das „Nicht kreativ tätig sein können“ auf deine Persönlichkeit? Oder bist Du im Gegenteil noch kreativer/produktiver geworden? Was hast Du während des Lockdowns /Corona-Zeit kreativ/künstlerisch gemacht? Hast Du die Zeit produktiv genutzt?

Die Corona-Zeit war für mich persönlich sehr verschieden. Zunächst habe ich die geschenkte Zeit genossen. Ich habe mich in meinen Bus gesetzt und Familie und alte Freund*innen besucht. Ich hatte seit Jahren endlich mal wieder die Gelegenheit ohne Eile und Stress meinen liebsten Menschen zu begegnen, das habe ich genossen.

Hast Du Dich nach beruflichen Alternativen (Temporär oder dauerhaft?) umgeschaut?

Ich konnte den allgemeinen Leistungsdruck unserer Gesellschaft aber nur kurz verdrängen und hatte stetig das Gefühl „etwas tun zu müssen“. Etwas leisten zu müssen. Also bin ich ehrenamtliche Vorständin im Clubkombinat Hamburg geworden und hatte an dieser Position zumindest das minimale Gefühl ein bisschen mehr gehört zu werden, als als Einzelperson. Und ich habe einen Onlineshop für meine Siebdrucke gelauncht – zu den vielen Stunden Fleißarbeit wäre ich sonst sicher nie gekommen.

Welche psychischen und persönlichen Fähigkeiten haben dir geholfen, dieses Moratorium zu bewältigen? Ist diese Phase für dich vorbei? Was hat sich in Deinem Selbstverständnis geändert?

Meine Kreativität wurde in der Zeit einerseits bestärkt (Probleme? Stark, dann gibt’s auch Lösungen!) und andererseits habe ich das Gefühl noch lange nicht wieder auf dem Energielevel von vorher angekommen zu sein. Das wofür ich da war, Menschen schöne Momente zu schaffen, war auf einmal nicht erlaubt. Das ist eine Erfahrung, die echt tief sitzt. Nach Alternativen habe ich nicht geschaut. Ich war schon immer sehr divers unterwegs und alles, was ich tue, hat mit Menschen zu tun. Als das nicht ging, wusste ich, dass ich das jetzt „aussitze“. Freiberuflich in der Kulturbranche war und ist schon immer prekär, daher ist „kein Geld haben“ nicht so neu. Wertschätzung erhielt ich von den Gästen, die nicht kommen konnten und die uns sagten, wie wertvoll diese Orte für sie sind und dass sie uns Kraft und Durchhaltevermögen wünschen. Ich bin Teil eines Club- und Kulturzentrum-Kollektivs. Dort erhielten wir enorm viel Zuspruch und auch Spenden, das hat viel Kraft gegeben. Aber das auf und ab, die vielen Unsicherheiten, das auf- zu- und wieder aufmachen, … das sitzt uns teilweise immer noch in den Knochen. Die aktuelle globale Lage trägt auch leider nicht zu einer Entspannung der Situation bei, zumindest nicht, wenn ich mir die Clubkultur anschaue.

Welche psychischen und persönlichen Fähigkeiten haben dir geholfen, dieses Moratorium zu bewältigen? Ist diese Phase für dich vorbei? Was hat sich in Deinem Selbstverständnis geändert?

Mir persönlich hat diese Pandemie auch gezeigt, dass egal was ist, wir niemals aufhören dürfen sinnliche, ästhetische, kulturelle Erlebnisse für Menschen zu gestalten. Wir brauchen Orte des Zusammenkommens, des unvoreingenommenen Begegnens. Um Verständnis füreinander und somit auch gelebte Demokratie zu fördern.

Was sollte sich bezogen auf Deine existentielle Sicherheit/Sicherung ändern?

Ich wünsche mir, dass das erkannt und so gehandelt wird. Die Worte „wir lassen niemanden im Stich“ waren ein weiteres Mal heiße Luft. Wann ändern wir unsere Systeme endlich so, dass nicht Kapital, sondern Mensch und Planet die Entscheidungen beeinflussen?

Anna Lafrentz, Jahrgang 88,  studierte Kunst- und Kulturvermittlerin (M.A., im B.A. habe ich Kunstgeschichte studiert), arbeite freiberuflich als Kulturmanagerin und leite und betreue diverse Projekte im Kunst-, Musik- und Kulturbereich.

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