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Sanja Ewald – einer Vortrag über Graffiti

Eine Stadt wird Bunt

Sanja Ewald – einer Vortrag über Graffiti

referierte auf der Tag Conference 2023 zur Geschichte und Gegenwart der Markierungen.

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Sanja, Du hast auf der Tag Conference einen Vortrag gehalten zum Thema „Das Blackbook: mehr als nur ein Skizzenbuch“. Magst Du kurz umreißen, wie Du zu Deinem Thema gekommen bist?

Um kurz auszuholen: Ich habe Mirko Reisser vor ein paar Jahren kennengelernt, der selbst Graffitikünstler und Mitkurator der Ausstellung „Eine Stadt wird bunt“ ist, die an die Tag-Conference angedockt ist. Über seine künstlerische Tätigkeit hinaus hat Mirko ein Archiv aufgebaut und sammelt alles über die Graffiti Szene der 1980er und 1990er Jahre mit Fokus auf den Hamburger Raum. Das fand ich aus kulturwissenschaftlicher Perspektive so spannend, dass ich angefangen habe, mir mit seinem Archivmaterial meine Doktorarbeit zu erarbeiten und schaue nun anhand des Archivmaterials, wie sich die Materialität von Graffiti verändert. Und ich hatte wahnsinniges Glück, dass ich mit meinem Thema an dem Exzellenzcluster „Understanding Written Artefacts“ der Uni Hamburg andocken konnte und die fanden wiederum Mirko Reisser so spannend, dass er nicht nur Artist of Residence wurde und ein großes Wandgemälde für unser Gebäude angefertigt hat, sondern dass das Exzellenzcluster auch ein Sponsor der Tag Conference ist.

Und zu meinem Vortrag über die Blackbooks kann ich sagen, dass meine Forschungsmaterialien momentan im Museum hinter Verschluss liegen. So kam die Idee auf, mit dem Museumsmaterial direkt während der Conference zu arbeiten und einen Vortrag zu halten, der direkt auf das Material verweist, das dort in den Vitrinen zu sehen ist.

Um kurz Tags zu erklären: Die große Unterscheidung beim Graffiti ist, dass es zum einen die groß ausgefertigten, sehr geplanten Pieces gibt, die man in allen Farben und allen Größen im Hamburger Stadtraum schon seit den 1980er-Jahren findet. Und zum anderen gibt es die Tags, die auf der einen Seite die Signatur der Künstler*innen von den großen Pieces darstellen, also wie jede*r Künstler*in das eigene Werk unterschreibt, so gehört das eigene Tag auch immer zu einem Piece dazu. Ein Tag kann aber auch im Stadtraum separat ohne ein größeres Graffiti geschrieben werden. Dabei geht es dann nicht um die künstlerische Innovation, und es geht auch nicht darum, etwas groß Angelegtes zu machen. Beim Taggen geht es wirklich mehr um die Quantität, darum, dass das Pseudonym ziemlich schnell in den Stadtraum geschrieben wird, aber dennoch mit einem Tag, das so auffällig, so individuell ist, dass es einen Wiedererkennungswert hat und man sich damit über die Jahre auch einen Namen macht und sich mit dem Tag auch den Stadtraum quasi erschließt…

Schon Steinzeitkünstler hinterließen in Höhlen Graffitiwerke. Inschriften an Wänden sind Teil der Kulturgeschichte, seitdem wir Spuren menschlichen Seins finden können. Ist das auch Teil Deiner wissenschaftlichen Forschung, oder beschränkst Du Dich auf aktuelle Zeichen in Hamburg?

Die Frage ist sehr spannend. Das ist tatsächlich aber nicht direkt Teil meiner wissenschaftlichen Forschung, aber das ist natürlich der Ansatz in dem Cluster „Understanding Written Artefact“, dass interdisziplinär und international Wissenschaftler*innen zusammengebracht werden, die zu Tags bzw. zu Inschriften aus verschiedensten Epochen forschen. Was für mich persönlich spannend und auch sehr befruchtend an der Zusammenarbeit ist, ist zum einen die Erkenntnis, dass neben den offiziellen Bekanntmachungen, die es ja auch immer schon gab, immer auch schon inoffizielle, nennen wir es Kritzeleien oder spontane Inschriften, entstanden sind. Und obwohl das Forschungsmaterial und die Perspektiven der einzelnen Forschungen sehr unterschiedlich sind, haben wir doch oftmals sehr ähnliche Fragestellungen an das Material und auch ähnliche Erkenntnisse und Ergebnisse. Und genau das ist ja auch der Ansatz der Tag-Conference: dass die Konferenz wirklich weg von den typischen Streetart- und Graffitithemen geht, die heutzutage ja sehr vielfältig behandelt werden und sich wirklich nur auf Tags konzentriert. Es geht also nicht um Graffiti als Praxis, sondern es geht ganz klar darum, Tags aus allen Kulturen und Epochen zu betrachten und Wissenschaftler*innen mit Nicht-Wissenschaftler*innen und Künstler*innen zusammenzudenken und zusammenzubringen.

Gegenstand wissenschaftlicher Betrachtungen ist bislang wohl in erster Linie die Entwicklung der Graffiti-Kultur. Zeitgenössisches Tagging hingegen scheint kaum Beachtung in der akademischen Welt zu finden. Kannst Du das nachvollziehen bzw. einordnen?

Ich glaube, dass das Graffiti in Form von wirklich großen Pieces in den letzten Jahrzehnten sehr schnell in Galerien und Museen Einzug erhalten hat, weil es doch in irgendeiner Art und Weise ästhetisch zu einem Kunstwerk erhoben worden ist. Auch wenn Graffiti zunächst als sehr subversive Kunst angelegt war, hat es doch relativ schnell seinen kommerziellen Weg durch Auftragsmalerei gefunden, dadurch, dass Graffitikünstler*innen plötzlich bezahlt worden sind.

Und ich glaube, im Gegensatz dazu liegt der Kern beim Taggen: in der absoluten Flüchtigkeit und Spontanität. Und mit Flüchtigkeit meine ich auch die flüchtige Materialität, also dass das Tag einfach sehr schnell aus dem Stadtraum wieder verschwindet, teilweise genauso schnell wie es geschrieben worden ist. Als Beispiel kann ich die ersten Tags im Hamburger Stadtraum nennen, die mit Schuhcreme geschrieben worden sind; die ließen sich einfach abwischen und waren gar nicht auf eine permanente Dauer angelegt. Ich glaube, durch diese Flüchtigkeit, aber auch durch die ästhetische Erscheinung des Tags, wurde es immer eher in die Schublade der Kritzelei oder Schmiererei geschoben und als eigene Kunstform nicht anerkannt und übersehen.

Und dass OZ postum Betrachtung findet, passiert nicht, weil mittlerweile die Qualität der Tags generell anerkannt wird. Die Anerkennung passiert hier auf einer ganz anderen Ebene als bei den Pieces, die ästhetisch auch Käufer*innen finden und einfach auch zu einer Geldmaschine geworden sind. Bei OZ wird viel mehr das Gesamtkunstwerk gewürdigt, seine Kontinuität, über Jahre eigentlich immer das gleiche gemacht zu haben und dadurch den Hamburger Stadtraum maßgeblich bis heute mit beeinflusst hat.

In der Ausstellung „Eine Stadt wird bunt“ hat er als Künstler ja auch eine eigene Ecke gewidmet bekommen, um seine Wichtigkeit und seine Andersartigkeit darzustellen. Wichtig zu wissen ist, dass er ja nicht Teil der Szene in dem Sinne war, dass er die Graffitiszene als subversive Szene oder Subkultur mitgetragen hat. Ohne es groß bewerten zu wollen, war OZ auch immer eine sehr individuelle Figur innerhalb des Ganzen.

Und hier sehen wir ganz deutlich, dass eine Stadt anerkennen muss, dass Graffiti aus verschiedenen Gründen, aus verschiedenen Perspektiven und von verschiedenen Akteuren aus nicht wegzudenken und nicht kleinzureden ist. Graffiti schreibt sich in eine Stadt ein und prägt eine Stadt. Das gesamte Stadtbild ist in vielen Städten maßgeblich gestaltet von Graffiti und in einzelnen Städten haben sich auch lokale, individuelle Graffitistile entwickelt, sodass Städte auch über ihre Graffitiformen identifizierbar sind und einen Wiedererkennungswert haben. Genau das hat auch der Macher der Tag-Conference, Javier Abarca, für sich gesehen und wollte daher bewusst den Blick von den großen Graffitischriftzügen weglenken und sich auf das schnellgeschriebene, das flüchtige Graffiti konzentrieren. Denn Tags sind innerhalb der Graffitiforschung nicht nur auch enorm wichtig, sondern sie sind bei genauer Betrachtung in der Masse auch unglaublich einnehmend im Stadtraum. Spannend ist hier auch, dass so viele Tags von verschiedenen Künstler*innen nebeneinander existieren. Ich habe in meiner eigenen Forschung wunderschöne Fotos von U-Bahnstationen, wo wirklich jede einzelne Fliese mit einem anderen Tag beschrieben ist und dadurch wie ein Teppich wird, der sich über die Stadt legt.

Stimmt der Eindruck, dass in der Wissenschaft antike Graffitis einen anderen Stellenwert haben als zeitgenössische?

Von der Erfahrung aus, wie meine Forschungsarbeit anerkannt wird, habe ich schon das Gefühl, dass es in der Legitimierung tatsächlich einen großen Bruch gibt und antikes oder mittelalterliches Graffiti im Forschungskontext anders angesehen wird als modernes Graffiti. Die Arbeit von typischen klassischen Archäolog*innen und Historiker*innen, die etwas ausgraben, um etwas wiederzuentdecken, hat bestimmt einen anderen Stellenwert als das, was teilweise noch existiert und nur beschrieben werden muss. Ich finde es aber schwer zu sagen, wann die wissenschaftliche Betrachtung von modernem Graffiti anfing, weil es schon früh Versuche gab, Graffiti wissenschaftlich zu erheben und auch zu erklären, auch wenn es erst einmal nur um eine Katalogisierung ging oder um eine typisch soziologische Betrachtung, in der die Subkultur benannt und aufgezeigt wurde. Genau das beschreibe ich übrigens mit Absicht nicht, weil ich finde, dass es zu der Subkultur schon genug gibt und es mich auch nicht so sehr interessiert. Natürlich muss ich die Kodierung der Szene kennen und für meine Arbeit auch lernen, Zeichen zu decodieren, aber die Szene an sich klammer ich aus.

Um die Antwort abzuschließen: Es gibt wirklich erstaunlich wenig Arbeiten, die sich mit dem Graffiti Writing, also mit dem Schreiben eines Graffitis, beschäftigen. Die Beschäftigung mit den Schriftzügen kam erst 2016 durch das groß angelegte DFG-Projekt „INGRID“ auf, eine Kooperation der Universität Paderborn mit dem KIT Karlsruhe auf. Hier wurde Graffiti im Stadtraum das erste Mal gesammelt und systematisch analysiert und die Praxis des Graffitischreibens beachtet.

Aber ich würde behaupten, dass die richtige wissenschaftliche Betrachtung noch sehr neu ist und eigentlich noch immer in den Kinderschuhen steckt.

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