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„Punk gehört ja nicht als Ausstellungsstück ins Museum, Punk wächst und gedeiht und verändert sich eben auch.“

Clubkultur

„Punk gehört ja nicht als Ausstellungsstück ins Museum, Punk wächst und gedeiht und verändert sich eben auch.“

Interview mit Ronja und Ronny (Generation Y Punk Doku)

Image placeholder Ronja Schwikowski und Ronny Contzen, Generation Y Punk
© Katharina Maas

Wie seid ihr auf die Idee gekommen, eine Dokumentation über Punk in den 2000er-Jahren zu machen?

Ronja: Wir haben da eine Lücke bemerkt: Von den mittlerweile 50 Jahren Punkgeschichte gibt es unzählige Dokus über die 70er, 80er, sogar die 90er Jahre – aber über unsere Generation im Punk kannten wir bisher nur eine einzige: die Millennial Punk Doku, an der unsere Freundin Diana Ringelsiep auch mitgearbeitet hat. Dabei waren die frühen 2000er so eine spannende Zeit und das nicht nur, weil wir da zum Punk gekommen sind (lacht).

Ronny: Genau, es war auch die persönliche Motivation, „unseren“ Punk abzubilden, unsere Diskussionen, unsere Kämpfe. Das Internet hat damals alles ja verändert. Plötzlich konnten Bands aus der Provinz ihre Musik veröffentlichen, ohne auf ein Label angewiesen zu sein. Gleichzeitig war es als Punk lange verpönt, ein Handy zu haben. Wir wollten diese Ambivalenz einfangen. Zum Beispiel: Flyer wurden auf einmal digital geteilt! Für eine Szene, die jahrzehntelang auf Mundpropaganda und Fanzines angewiesen war, war das revolutionär. Aber dadurch büßt die Szene eben auch ein Stück Mystik ein.

Wie habt ihr dann eure Interviewpartner:innen ausgewählt?

Ronny: Wir wollten keine klassischen „Punk-Stars“ – also keine Toten Hosen, keine die ärzte, sondern die DIY Bands, die für die Szene so wichtig sind. Und all ihre Geschichten, nicht nur von Bands, sondern auch von Veranstalter:innen und Aktivist:innen, also von allen, die diese Szene am Laufen halten. Wir haben verschiedenste Personen von überall aus der Bundesrepublik angefragt, um die Vielfalt der Szene abzubilden. Punk ist ja keine abstrakte Idee sondern lebt von den Menschen, die ihn machen. Es sind die Geschichten vom ersten Konzert, bei dem man sich getraut hat, vorne zu stehen. Davon, Sachen selbst in die Hand zu nehmen und einfach mal zu machen.

Ronja: Viele von den Leuten haben wir über unsere eigenen Netzwerke gefunden, andere durch Aufrufe in Fanzines und Social Media. Wichtig war uns, dass die Leute uns vertrauen und ihre ganz persönliche Geschichte erzählen – nicht nur die coolen Saufstories, sondern auch die Konflikte, die Niederlagen, die Zweifel. Es geht also auch um geräumte Häuser, um Gewalterfahrungen, um Prekariat. Das ist für den Underground total wichtig, das gehört dazu! Wir sind ja auch keine neutralen Beobachter:innen, sondern selber aktiv.

Welche Herausforderungen gab es bei der Umsetzung?

Ronny: Ganz klassisch: Zeit und Geld. Eine Doku wie diese ist ein Langzeitprojekt. Wir haben fast drei Jahre damit verbracht, zu planen, Leute zu besuchen, Interviews zu führen, zu schneiden. Beziehungsweise schneiden zu lassen! Ohne Leute, die da Erfahrung haben, ging es nämlich nicht. Und dann kommt natürlich die Finanzierung dazu. Solche Projekte leben oft von Crowdfunding oder Fördergeldern, und die zu bekommen, ist nicht immer einfach.

Ronja: Und dann auch noch die Technik. Wir sind eben keine Profis. Wir haben begeistert drauf los interviewed und hatten nachher Berge von Material, teilweise mit grauenhaftem Ton. Und daraus wollten wir eine kinofähige Doku zusammenbauen! Was für ein irres Projekt eigentlich… zum Glück kennen wir genug Leute, die aus ihrem DIY Hobby einen Beruf gemacht haben und uns geholfen haben!

Mit dem begleitenden Vortrag betont ihr, dass eure Doku keine Nostalgie-Show sein soll. Warum ist das wichtig?

Ronja: Weil Nostalgie oft bedeutet, dass man die Vergangenheit romantisiert. Ja, die 2000er waren eine aufregende Zeit – aber sie waren auch geprägt von Hartz IV, Gentrifizierung, rassistischer Hetze. Es gab eine tolle Vernetzung zwischen linken Aktivis:innen und der Punk Subkultur, aber das Ganze war auch männlich dominiert, und viele FLINTA-Personen wurden nicht gesehen. Der Umgang miteinander ist schon so viel besser geworden, das sieht man auch. Aber es lohnt sich, weiter den Stimmen zuzuhören, die eben nicht die lautesten sind. Den FLINTAs, den PoC Punks, den Queers, die seit Jahrzehnten in der Szene aktiv sind, aber kaum Repräsentation finden.

Ronny: Wenn wir etwas mitnehmen von dem, was so ziemlich alle Interviewten gesagt haben, dann ist das, dass wir aufhören müssen, uns gegeneinander ausspielen zu lassen. Es gibt diese künstliche Trennung zwischen „Oldschool-Punks“ und „Digital Natives“. Dabei geht es doch um dasselbe: DIY und Punk. Ob du jetzt deine Musik auf Vinyl hörst oder als mp3 - Hauptsache, du hörst es, gehst zu Konzerten, machst mit. Punk gehört ja nicht als Ausstellungsstück ins Museum, Punk wächst und gedeiht und verändert sich eben auch. Der Spirit bleibt der gleiche, nur die Formen ändern sich. Die Szene heute kämpft mit alten und neuen Problemen: unbezahlbare Mieten, Klimakrise, rechtem Backlash. Da brauchen wir alle Punks, die wir kriegen können.

Beide Filmemacher:innen haben die Veränderungen durch Digitalisierung und das Internet Anfang der 2000er als Millennials hautnah miterlebt. Ronja ist Chefredakteurin des Plastic Bomb Fanzine. Als Geschäftsführerin des dazugehörigen Mailorder und Plattenlabel hat sie seit über einem Jahrzehnt Einblicke in alle Bereiche der selbstorganisierten Subkultur. 2022 war sie Mitherausgeberin des Sammelbands „Punk as Fuck – Die Szene aus FLINTA-Perspektive“. Ronny ist Kulturhistoriker:in und promoviert aktuell zur Zeit- und Kulturgeschichte von Hausbesetzungen. Seit Jahren schreibt sie regelmäßig für das Plastic Bomb und ist ebenfalls in „Punk as Fuck“ vertreten.

Die dreiteilige Doku feierte im März 2026 Premiere. Das Jahr über gehen Ronja und Ronny damit auf Tour und halten dazu den Vortrag „DIY Punk. Einfach machen.“. Die Stiftung Wissensart fördert die Veranstaltungen in Kooperation mit dem Punkfilmfestival „too drunk to watch Punkfilmfest Berlin“ in der Brotfabrik und im Club Schokoladen.

www.generation-y-punks.de

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